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Rhetorischer Überlebenskampf
in Akt[en]

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Meta


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life is a tale told by an idiot

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Karten

Du sagst, du hast dich verloren,
Erkennst dich selbst nicht wieder,
Als hättest du ein fremdes Leben gelebt.
Musst irgendwohin, am besten alleine,
Auch wenn es dir widerstrebt.

Du hast nachts im Traum plötzlich Visionen,
Du zweifelst an deinem Verstand.
Du sagst, du hast Angst,
Du weißt nicht, wie's weitergeht,
du bist ausgebrannt.
(F.U. - Karten)
 
 
Wieder einer dieser Tage... Wenn ich manchmal ausmachen könnte, wann warum das Zerspringen wieder einsetzt - aber ich hab keine Ahnung. Heute ist jedenfalls ein "Karten-Tag". Das sind Tage, an denen ich urplötzlich, von einem Moment auf den anderen, das Gefühl habe, in eine andere Dimension gewechselt zu sein. Das habe ich an und für sich öfter (wenn ich von "Privat-Mensch" zu "Arbeits-Mensch" oder "Familien-Mensch" oder "Freundin-Mensch" oder oder oder wechsle), dass ich beim Wechseln von Situationen das Gefühl habe, eine "Andere" zu werden. Das Vorherige wirkt verschwommen, als hätte ich es nur geträumt, als wäre es nicht mir widerfahren. Soweit normal (das sei das, so der Therapeut, was er "strukturelle Dissoziation" nennt).
 
Aber Karten-Tage... Da "wechsle" ich nicht vom einen "Menschen" zum anderen. Nein, Urplötzlich tue ich einen Schritt und ich z e r s p r i n g e. Ganz plötzlich gibt es mich nicht mehr. Ich spüre, wie alles innerlich zerreißt, wie jedes einzelne Gesicht zur Lüge zerfällt. Als würde mir plötzlich die Gewissheit klar, dass mein ganzes, zerrissenes "Ich" mit all seinen Masken und Facetten und Rollen eine einzige Lüge ist. Ein Konstrukt, programmiert, abgerichtet, einstudiert, auswendig gelernt. Aber dahinter - nichts. Rein gar nichts. Endlose kalte, graue, zerstörerische Leere. Ich implodiere und explodiere im selben Moment, bleibe atemlos zurück und suche nach etwas - irgend etwas - woran ich mich festhalten kann, wodurch ich erfahren kann, dass es mich d o c h gibt, dass ich d o c h lebe, dass es etwas - einen Kern, eine Seele, irgend etwas - in mir gibt. Das Vakuum raubt mir die Luft. Kann weder weinen noch lachen ob des erdrückenden Grauens. 
 
Zersprungen, zerrissen, ganz plötzlich wie aus dem Nichts. Es gibt mich nicht mehr, ich existiere nicht mehr, nur eine Hand voll Masken, die so gut funktionieren im Alltag. Ich schreie vor Entsetzen, suche wie ein Ertrinkender nach einem Schluck Wasser. Spüre den Drang - die irrrational gewiss sinnvolle Idee - nach Selbstverletzung. Schmerz wäre ein Anker, etwas Greifbares, dass ich etwas spüre, dass ich lebe, denn wenn ich spüren kann, etwas greifbar spüren kann, dann muss ich am Leben sein, dann muss es mich geben.
 
Ich sehe schon seinen Blick vor mir, wenn er zum ersten Mal seit bald acht Jahren frische Wunden auf meinem Körper sehen würde..... Ausgeschlossen, unvorstellbar, niemals sein Entsetzen, so verlockend die Flucht auch erscheint.
 
 
Meine Gedanken springen unhaltbar und sind zugleich nicht meine, sondern schreiende Stimmen in meinem Kopf.
Vielleicht werde ich ja jetzt endlich endgültig verrückt. Vielleicht ist es aber auch so wie es - laut vorhandener Erinnerungen - immer war: In ein paar Minuten, Stunden, vielleicht auch Tagen ist alles vorbei und es fühlt sich an, als wäre nie etwas passiert - als wäre eine Andere zersprungen. Eine Andere in mir. 

26.1.16 09:42, kommentieren

düster bist du schön

 Und sie ist immer noch so hungrig
warum ist die Welt so scheiß normal
sie würde nächtelang nicht rasten
sie würde verglühen
für einen Augenblick in echt
und sie wäscht längst nicht mehr in Unschuld
sie hat verraten und verkauft
und es ist immer noch so wenig
so zäh und so schwer
es ist häßlich und bitter wenn sie flucht
(Tex - Wenn sie lacht)

 

Momente, in denen man etwas versteht, sind manchmal wie Blitze, die in Bäume einschlagen. Zunächst Zerstörung, Feuer, Angst. Doch wartet man ein wenig, so wird man entdecken, dass dort Blumen wachsen. Pastellfarben, die Grau in Lebendigkeit verwandeln. Lebendigkeit, die atmet, die wächst, die blüht - die lebt.

 

Manchmal kann Angst einen Menschen fesseln. Manchmal kann Angst einen Menschen lähmen, ihm die Luft rauben, die Kehle zuschnüren und zerstören. Sie kann dunkel sein, dunkler als die schwärzeste Nacht und unverständlich und unmöglich wie ein perpetuum mobile. Angst kann irrationale Dystopien so real zum leben erwecken - egal wie unwahrscheinlich, urplötzlich ist die wildeste, finsterste Albtraum-Fantasie möglich. Greifbar. Hier. Jetzt, hinter dir. Sieh dich nur nicht um, spüre nur den Atem der Angst im Nacken, obgleich eine wundervolle Orchidee hinter die blüht - sie verwandelt sich in ein blutrünstiges Monster.

 

Angst kann vieles. Ich habe sie viele, viele Jahre nicht verstanden. War zu blind - zu stolz? - zu verstehen, dass sie der Motor meiner Dämonen ist, die Nahrung für meine Alträume.
Immer wieder und wieder und wieder und wieder wälze ich Gedanke, spiele Situationen in meinem Kopf durch, frage und hinterfrage jede Kleinigkeit. "Habe ich richtig gehandelt? Was genau habe ich gesagt - was dachte ich, wollte ich sagen? Und was hat mein Gegenüber verstanden? Was, wenn? Was wenn sie dachte, und er verstand, und es sah...? Wie kann ich nur, was soll ich, was darf ich, wohin...?"
Blicke mich um, Gedanken schwirren und drehen und tanzen betrunken in meinem Kopf; halten mich wach bei Nacht, jagen mich bei Tag. Nie Ruhe, nie Entspannung aus Angst, einen Fehler gemacht zu haben.

 

Dann laß ich, dass jemand sich dafür entschieden hatte, so wenig Leid wie nur möglich in die Welt zu bringen. Er könne, gewiss, die Welt dadurch nicht retten. Aber er würde s e i n en Teil dafür tun, dass sie ein klein wenig besser würde. Er würde kein Leid hinzufügen.

Und ich dachte: "Ja, das tue ich auch! Das möchte ich auch. Das ist mein erklärtes Ziel seit Jahren! Ich kann die Welt nicht retten, aber vielleicht ein bisschen, nur ein klitzekleines bisschen besser machen - meinen Teil dazu leisten, dass ein wenig mehr Liebe, ein wenig mehr Friede da ist."

Ich kam nicht umhin auf die Narben zu schauen, die meinen Körper überziehen. Wunden, die ich mir selbst beibrachte. Leid, das ich mir selbst zufügte. Fehler, die ich versuchte zu sühnen, indem ich blutete und litt.

Ich hatte Leid in die Welt gebracht - mir selbst Leid zugefügt, Schmerz und Tränen. Habe mich verstümmelt, Blut fließen sehen, war wütend und rachsüchtig - stets mir selbst gegenüber.
"Hey, immerhin keinem andere, gegenüber", dachte ich mir. "Immerhin hast du immer nur dich selbst gehasst, verachtet und verleugnet."
"Aber wenn du kein weiteres Leid in diese Welt bringen willst, in der Menschen weit schlimmer leiden als du, hungern, Angst haben vor Krieg und Terror, Verfolgung und Vergewaltigung - warum bringst du es dennoch? Und denkst auch noch, es sei gerechtfertigt? Wie passt das zusammen? Wo unterscheidest du dich von Anderen?", flüsterte eine sanfte Stimme in meinem Kopf. "Du darfst leben, du darfst lieben, du darfst leiden und trauern. Du darfst Entscheidungen treffen, darfst sie bereuen und auch zu ihnen stehen, selbst wenn Andere dich für sie verachten. Du bist nur eine von Vielen, eine von so vielen Menschen. Warum sollten Sie, denen du so viel Verständnis und Liebe entgegen bringst, auch wenn sie dich beschimpfen, andere Dinge verdienen oder zu erwarten haben als sie? Warum sollten sie sich nicht selbst zerstören, wenn sie einen Fehler machen? Warum solltest du nicht auch leben, lieben, trauern und atmen und träumen wie sie?"

Manchmal hasse ich meine innere Stimme der Vernunft, wenn sie mir die Wahrheit einflüstert... Dann wieder liebe ich sie. Dann möchte ich sie aus mir herausschneiden, schreien, dass ich es nicht wert bin im Gegensatz zu all den anderen Menschen. 

Nein, ich verstehe nicht, warum ich etwas wert sein sollte, warum ich liebenswert sein sollte, warum ich toll oder gar l e b e n s w e r t sein sollte. Ja, ich denke, ich sollte eigentlich tot sein. Ich bin dieser Überzeugung. Und Feigheit ist es, was mich am Leben hält - die Feigheit, diesen Schmerz anderen Menschen anzutun.  Ich verstehe Vieles nicht - aber eines habe ich verstanden: Es gibt eine radikale Diskrepanz zwischen dem, was ich Anderen mit Leichtigkeit zugestehen kann und dem, was ich mir selbst zugestehe.
Die Angst, die mich lähmt, ist die Angst, Fehler zu machen - das Unvermögen, zu meinen Entscheidungen zu stehen. Es beruht auf der Verachtung meiner Selbst. Vielleicht werde ich diese nie gänzlich los werden, vielleicht werde ich sie ewig mit mir herum schleppen. Aber eigentlich geht es hier nur um mein Rückgrat - das, wovon ich bisher immer dachte, dass ich es hätte, so lange es nur um Andere geht. Aber mir selbst gegenüber...?

 

Es geht nur  darum, dazu zu stehen, was man tut, wofür man sich entscheidet, was man sagt, liebt, erträumt und hasst. 

 

 Düster bist du schön.

6 Kommentare 14.1.16 21:14, kommentieren

Reptil

"Du bist so kalt, wie ein..."

 

So dachte ich heute darüber nach. Bin ich kalt, wie ein Reptil? 

Seit Monaten gehe ich mit Bauchschmerzen zur Arbeit. Regelrechter Widerwille, Übelkeit, das Bedürfnis mich in Zwei zu reißen, mir ein Bein zu brechen, nur um nicht dorthin zu gehen. Und doch gehe ich, obgleich ich seit Monaten nicht mehr weiß, wann ich zuletzt erholsam durchgeschlafen habe. Ich gehe und liefere erstklassige Arbeit ab. Meine Dokumentation - einwandfrei. Meine Buchhaltung - fehlerlos. Mein Geschick in kritischen Situationen - kompetent und professionell. Meine Dienstplangestaltung für das Team - sauber und mehr als rechtzeitig fertig. Parallel mache ich eine Weiterbildung, für die ich - nebenbei - die Abschlussarbeit schrieb (ok, die Arbeit hat nur 24 Seiten betragen, viel war es nicht, aber hey - nebenbei geschrieben).

Es steht also eigentlich anhand objektiver Daten fest, dass ich einen verflucht guten Job mache. 

Und trotzdem fühle ich mich auf eine grauenvoll erdrückende Art und Weise inkompetent, ungenügend, eine Versagerin auf ganzer Linie.
Es passt nicht zusammen, ich weiß. Diesen Widerspruch erlebe ich seit vielen, vielen Jahren immer wieder: Sei es in der Schule, auf der Uni, im Job oder in der Weiterbildung. Verflucht, wenn ich das Ganze so schwarz auf weiß betrachte, sprechen die Tatsachen eindeutig f ü r meine Kompetenz. Trotzdem passt es nicht mit meinem inneren Erleben zusammen. Und das ist ne ganz schön große Scheiße.

Ich hab - ohje, ich schreibe es auf - mein Diplom mit Aufzeichnung gemacht. Das macht man nicht mit Glück, oder Mogeln - eigentlich. Trotzdem habe ich in Phasen, in denen es mir besonders beschissen geht, immer wieder die (für mich absolut reale) Angst, dass die Polizei jeden Moment klingeln und mich verhaften könnte, weil ich mein Diplom eigentlich verdient habe. Ich habe Angst, dass Menschen mir auf die Schliche kommen, dass ich eigentlich n i c h t s kann und sie sich nur von mir haben blenden lassen. 

Wieder ein Blick über die Schulter. Achte auf das Tuscheln. Haben sie dich entlarvt, enttarnt? Ist endlich jemand dahinter gekommen, dass du nur eine Hochstaplerin bist? Wann ist es so weit, wann stehen sie vor dir, entreißen dir all die Blätter, auf denen deine vermeindliche Genialität festgehalteen wurde? 

Wann ist es nur endlich so weit, dass das innere und das äußere Erleben endlich zusammen passen? Wann muss ich nicht mehr in Panik über die Schulter blicken, dass ich endlich verbal und sozial gesteinigt und verstoßen werde? 

 

Betrachte die sterilen Blätter. Die starre Schrift. Leblos. Sie dokumentieren angebliche Tatsachen. Doch für mich sind sie leblos - kalt. 

Und in mir brennt es.

2 Kommentare 13.1.16 16:14, kommentieren